Bei Anmeldungen zur Erziehungs-beratung werden die Anlässe
nach einer einheitlichen Statistik erfasst. Hier die Anmeldegründe des Jahres
2001 geordnet nach ihrer Häufigkeit:
| Anlass
der Beratung |
in % |
| Beziehungsprobleme |
40 |
| Entwicklungsauffälligkeiten |
21 |
| Trennung/Scheidung der
Eltern (ohne Umgang) |
16 |
| Schul-/Ausbildungsprobleme |
15 |
| Umgangsbetreuung |
3 |
| Suchtprobleme |
2 |
| Anzeichen für sexuellen
Missbrauch |
1 |
| Anzeichen für
Kindesmisshandlung |
1 |
| Wohnungsprobleme |
1 |
| Straftat des jungen Menschen |
0 |
Die vorgegebenen Bezeichnungen sagen erstmal wenig darüber
aus, worum es dabei jeweils gegangen sein mag. Hiermit versuchen wir aufgrund
unserer aktuellen Erfahrungen, Worte für das zu finden, was die Ratsuchenden
bewegt. Vielleicht gelingt es anhand der zunächst unzusammenhängenden
Problem-bereiche mitzuteilen, wo jeweils der Schuh drückt. Um die
Beratungsanliegen hier einmal in eine Reihe zu bringen, gehen wir im Text
einfach mal nach der Häufigkeit der Nennungen. Die Häufigkeit der Nennung gibt
nur einen entfernten quantitativen Eindruck über die Bandbreite von
Beratungsinhalten. In Wirklichkeit ist uns jedes vorgetragene Anliegen
gleichermaßen wert, beachtet zu werden - und Sie sollen auch erfahren, warum.
Beziehungsprobleme
Familie wird als vertrauter Ort mit Angehörigen, als
Lebensmittelpunkt gewünscht. Mitunter verkehrt sich aber Vertrauen in
Misstrauen. Oft können die Erwartungen an ein zufriedenes Zusammenleben nicht
erfüllt werden. Stiefelternkonflikte, der Übergang von der Kindheit zur
Jugendlichkeit, familienunfreundliche Arbeitsver-hältnisse etc. bringen
Turbulenz ins System Familie.
Dann kann sogar die fortbestehende Vertrautheit von zwei
Familienmitgliedern dem sich außen fühlenden Dritten ein Dorn im Auge sein. Als
Ort der Besinnung gedacht, wandelt sich Familie mitunter durch
Beziehungsprobleme ins Unheimliche. Dann wird bei uns über Unehrlichkeit,
Aggressivität, Faulheit in den eigenen vier Wänden geklagt. Solange das
Vertrauen nicht wieder hergestellt ist, ist es ungemütlich.
Unter lang anhaltend ungünstigen emotionalen Bedingungen geht
Erziehung schief. Einerseits könnte man von Marzahn-Hellersdorf als DER
Kinderstube Berlins reden, andererseits ist der Anspruch, dass es im
Eltern-Kind-Verhältnis auch stimmt, existenziell. Insbesondere für Elternteile,
die entweder aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind oder die arbeitsmäßig
eingespannt sind, strahlt die Qualität der Erziehung auf das ganze übrige Leben
aus. Das Gefühl misslingender Erziehung kann schnell als vollständiges Versagen
erlebt werden. Erziehungsberatung wird in Anspruch genommen, um das familiäre
Zusammenleben in der bisher gewünschten Form aufrechterhalten zu können. Dies
bedeutet aber in der Regel, dass in der Erziehungsberatung Luft geholt wird,
dass die familiären Beziehungen auch nachwachsen können.
Entwicklungsauffälligkeiten
Bei kindlicher Entwicklung bekommen wir es heutzutage mit
unbegrenzten Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu tun.
Eine Generation von
Erwachsenen hat innerhalb eines Dutzend von Jahren eine erzieherische
Kehrtwendung von 180° vollziehen müssen und
vollzogen. Waren Entwicklungsauffälligkeiten bis zu Wendezeiten der Tendenz zur
staatlich gestützten Massenhaltung von Kindern geschuldet, sind sie nun im Gegenteil Resultate von herkunftsbedingter
Vereinzelung: Eine Generation alleinverantwortlicher Eltern mit der Erfahrung
heftiger Brüche sehen sich mit Kindern behängt, von deren erfolgreicher
Entwicklung sie den Glauben verlieren. Maßstäbe von Entwicklung beziehen sich
auf keinen gesellschaftlichen Konsens. Insofern wird die individuelle
Zufriedenheit mit dem Kind zum Maß. Klaffen Anspruch und Wirklichkeit, wird die
Beziehung von Eltern und Kindern aufs Spiel gesetzt. Nachlassende
Bindungsfähigkeit in der Familie bedeutet unter dem Entwicklungsaspekt oftmals,
dass Kindern Anregung verloren geht. Sie verkümmern. Spezifische Formen von
Verwahrlosung sind das häufigste Entwicklungsrisiko.
Mal sind Kinder zu groß oder zu klein, zu langsam oder zu
schnell, zu ruhig oder zu unruhig.
Dabei gibt der Begriff „Hyperaktivität" oder „ADS" in der
Beratungspraxis Grund zum Nachdenken. Oft geht die Nutzung dieser
Begrifflichkeit mit dem Glauben einher, die kindliche Entwicklungsstörung sei
halt erblich oder hirnorganisch zu erklären und somit erzieherischer Einfluss
seitens der Familie demgegenüber uninteressant.
Anzunehmen, dass allein Gewalterfahrung Gradmesser von
Kindeswohlgefährdung sei, gehört zu den Prinzipienlosigkeiten, die man sich in
unserer ach so modernen und freiheitlichen Zeit zu leisten erlaubt. Mit der
Erziehungsberatung werden Entwicklungsauffälligkeiten auf ihre Verursachung und
Abänderbarkeit hin untersucht. Insofern ist diese Form der Hilfe zur Erziehung
angemessen, Vernachlässigungen von kindlichen Entwicklungsbedürfnissen
entgegenzuwirken.
Trennung und Scheidung
Seit Einführung des neuen Kindschaftsrechtes hat die
gemeinsame Sorge einen höheren Stellenwert im Kalkül getrennt lebender Eltern.
Dass es durch das Gesetz zu mehr Friedfertigkeit in den Trennungs- und
Scheidungsverläufen (zumindest für die Kinder) gekommen wäre, kann man so nicht
sagen. Die Instrumente der Konfliktlösung können verträglicher sein. Auch hat
der Stellenwert von Beratung im Trennungsprozess eine größere Rolle erhalten.
Dennoch sind Trennung und Scheidung in Verlauf und Ergebnis chaotisch und
stellen ein erhebliches Entwicklungsrisiko für die mitbetroffenen Kinder dar.
Das ist einerseits gesellschaftlich anerkannt, andererseits bietet der Respekt
vor der Intimsphäre der sich auflösenden Elternbeziehungen genügend Raum für
nervenaufreibende Szenarien. Mitunter besteht das Entwicklungsrisiko darin, dass
im gleichgültigen Einerlei dem Kind Elternersatzpersonen vorgeführt werden. Für
in Trennung einbezogene Kinder stellt sich die Frage: Wenn schon der eine
Erwachsene Elternteil gehen musste, weil er nicht mehr geliebt wird ..., was
soll werden, wenn ich nicht mehr geliebt werde. Dass es Umgang gibt (s. u.), ist
aus Sicht der Kinder ein schwacher Trost.
Schul- und Ausbildungsprobleme
In Teilen der jungen Generation kommt bürgerliche Bildung
nicht an. Zum Erwerb von Wissen und Fähigkeiten besteht ein gestörtes
Verhältnis. Mitunter wird so getan, als reiche der Inhalt des Kühlschranks und
die Bewegung auf der Spielkonsole für das eigene Wohlergehen.
Aufmerksamkeitsstörungen, Teilleistungsschwächen und Schulunlust wachsen sich
dann zu Belastungen aus. Bei Klassen- wiederholungen werden die Lernstörungen
oftmals nur ausgesessen. Als hätten sich junge Leute darauf eingestellt, im
Leben beruflich nichts zu leisten, vernachlässigen sie ihre Zeit als Schüler.
Ihnen ist die Schule alles andere als ein Ort des Lernens. Dass Allgemeinwissen
und Lesen nicht besonders erfolgreich durch das Bildungswesen vermittelt werden,
war der „Pisa"-Studie zu entnehmen. In der Beratungsstelle sehen wir zunehmend
Kinder, für die das Lesen eines Buches eine schier unüberwindliche Hürde
darstellt. Aber auch das Einschlagen eines Nagels in ein Brett ist mitunter eine
völlig neuartige Erfahrung für Jungen von reichlich 10 Jahren in der Werkstatt
der Beratungsstelle. Wünschenswert wäre, wenn Kindern mit erheblichen Schwächen
im Annehmen von Kulturtechniken stärker handwerkliche und hauswirtschaftliche
Fähigkeiten nahe gebracht werden könnten. Allein die Knöpfe vom Gameboy drücken
zu können, bedeutet aus psychologischer Sicht eine Verkümmerung. Diese
Verkümmerung wird vielleicht deshalb toleriert, weil die Kinder ja so schön
konzentriert spielen. Der Zweck von spieltherapeutischer Arbeit mit Kindern in
der Erziehungsberatung besteht heutzutage nicht zuletzt darin, die Einschränkung
des Spektrums von spielerischen Ausdrucksformen zu überwinden und Neigungen zur
Computerspielsucht dadurch vorzubeugen. Das therapeutische Spiel ist für uns
eine Form, Kinder mit ihrer Lebenswirklichkeit in Kontakt zu bringen.

Foto (Rörup): Jungen besorgen sich Holz für das Lagerfeuer im Abschlusscamp der
Therapiegruppe
Die Vorzüge der Mediengesellschaft verkehren sich für
lernunwillige junge Menschen gewissermaßen in ihr Gegenteil: Für sie macht
Nichtwissen auch nichts. Wenn die Eltern auch noch das Zutrauen zur Schule
verloren haben, werden sie mit dem Lernproblem in der EFB vorstellig. Guter Rat
ist dann oftmals teuer. Seitens der Beratungsstelle beginnt die Arbeit zumeist
damit, die mit dem Lernproblem zerrütteten Beziehungen wieder herzustellen, in
denen üblicherweise im Verhältnis Kind-Erwachsener gelernt werden kann. Auch bei
gut angenommenen therapeutischen Hilfen kommt es oft nicht dazu, dass sich die
jungen Menschen mit ihrem Berater in einen Prozess angeleiteten schulischen
Lernens begeben. Meist gelingt es lediglich, zur Entkrampfung der
lernverweigernden Haltung beizutragen und ein weiteres Nachlassen zu vermeiden.
Beratung und Unterstützung von Umgang
Zum einen ist Umgang des Kindes mit dem getrennt lebenden
Elternteil in den letzten zehn Jahren zu einer weithin anerkannten Norm
geworden. Im konkreten Trennungsfall werden nach wie vor Kinder bei Trennung der
Eltern zum Faustpfand genommen. Das gesellschaftlich verfügte Umgangs-recht
dient strittigen Eltern als Feld des fortgesetzten Paarkonfliktes. Wie
gemeinsame elterliche Sorge kann somit auch das gut gemeinte Umgangsrecht
Kindern zum Fallstrick werden, wenn Eltern sich über den Umgang gegeneinander
behaupten wollen. Mit den Umgangsproblemen werden in aller Regel Paarkonflikte
ausgelebt. Die betreffenden Kinder sind mitunter noch sehr klein oder haben auch
sonst keine verlässliche Beziehung zum fortgezogenen Elternteil verinnerlicht.
Sie können also gar nicht verstehen, was die Erwachsenen da mit ihnen
veranstalten. Insofern stellt sich immer die entwicklungspsychologische Frage,
wie denn dem wohlverstandenen Kindeswohl durch Umgang bei entzweiten
Elternhäusern gedient werden soll.
Aus dem grundsätzlichen Angebot von Beratung bei Trennung und
Scheidung als Hilfe zur Erziehung versuchen wir mit den Betroffenen
herauszufinden, ob eine Unterstützung von Umgang für das Kind geeignet ist.
Davon ausgehend steht die Beratungsstelle mit Rat und Tat zur Verfügung, auf
humane Art Umgang anzubahnen und zu erproben. Die Kontakte herzustellen gelingt
in der Mehrzahl der Fälle. Aber stabile und einvernehmliche Dauerlösungen sind
eher selten, weil sie von einem Elternteil wirklich nicht gewollt sind. Insofern
bleibt der betreute Umgang für uns nicht nur sozial- und familienrechtlich ein
Sonderfall innerhalb der Bandbreite von Erziehungsberatung: Wie man es auch
dreht und wendet: ein Elternteil bleibt dem Ziel eines geregelten Umgangs
grundsätzlich skeptisch gegenüber. Schon eine Uneinigkeit in Unterhaltsfragen
reicht aus, dass die Umgangsregelung instabil bleibt.
Anzeichen für sexuellen Kindesmissbrauch
Die Zahl der wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch
angemeldeten jungen Menschen ist über die Jahre konstant. In der ersten Hälfte
der 90iger Jahre wurde sexueller Kindesmissbrauch (im Osten) öffentlich so stark
diskutiert, dass andere Fragen des Schutzes kindlicher Entwicklung zu kurz zu
kommen drohten. Bei sexuellem Missbrauch ist in der Erziehungsberatung von dem
die Rede, der im Umfeld der Familie passiert. Der Täter lebt(e) in der Familie
oder wurde dazugezählt, das Kind war von ihm abhängig und die Familie versagte,
das Kind vor der Beschämung zu schützen. Es liegen also stets mehrere Umstände
in der Betreuung der Kinder und im Verhältnis von Mann und Frau im Argen,
dass es zu sexuellen Grenzüberschreitungen Erwachsener oder Jugendlicher
gegenüber Kindern kommt. Insofern ist der in Familien zu beklagende sexuelle
Kindesmissbrauch stets als besonders eklatante Verletzung der kindlichen
Persönlichkeit neben anderen Missständen festzustellen.
Dementsprechend sehen wir es in der Erziehungsberatung einerseits als Aufgabe,
den Sachverhalt aufdecken zu helfen und den Schutz des Kindes künftig zu
gewährleisten, andererseits ist am Beziehungskontext zu arbeiten, denn die
Geborgenheit des Kindes in der Familie ist in aller Regel mit angegriffen.
Wir motivieren die Betroffenen für sich eine Entscheidung zu fällen, ggf. den
Missbrauch auch durch Strafverfolgung ahnden zu lassen.
Anzeichen auf Kindesmisshandlung
In der offiziellen Statistik erscheinen lediglich die Fälle,
in denen die Misshandlung von Kindern schon bei der Anmeldung als Grund für die
Hilfesuche offenbart wird. In den uns vorgestellten Fällen sind die Ratsuchenden
oft auch schon dazu übergegangen, aus gewaltsamen Übergriffen auf das Kind
Konsequenzen zu ziehen. Dabei werden sie psychologisch durch uns dahingehend
unterstützt, dass die Entwicklung der Kinder künftig gewaltfrei erfolgen kann.
Oftmals zeigt sich, dass im konkreten Fall die betreffenden Kinder in ihrer
Entwicklung ohnehin gravierende Beeinträchtigungen aufweisen. Geistig
zurückgebliebene und sprachrückständige Kinder sind häufig Opfer von Gewalt.
Solche Kinder in ihrer allgemeinen psychischen Entwicklung zu fördern, ist
gewaltpräventiv.
Suchtprobleme
Wegen süchtigen Verhaltens wird die Erziehungsberatung
zunehmend aufgesucht. Man ist öffentlich sensibilisiert und der Zugang zu
süchtig machenden Mitteln ist unbeschränkt.
Zwischen den Eltern stellt sich die Frage der Sucht so dar, dass ein Elternteil
die Beratung sucht, weil er mit dem süchtigen Elternteil nicht mehr vor noch
zurück kann. Hier sind die „Co-Trinker", also die die in den
Suchtmittelmissbrauch einbezogen sind (ob sie wollen oder nicht) unsere
Ansprechpartner. Von der Klärung dieses Missverhältnisses hängt viel ab, ob die
Familie wieder so weit kommt, noch Spielräume für die eigentliche Erziehung des
Nachwuchses zu finden.
Ein zweiter ansteigender Bereich von Erziehungsproblemen besteht darin, dass
junge Menschen nach dem Grundschulalter kraft der Drogen einen Schluss-Strich
unter die Erziehung durch Erwachsene zu ziehen versuchen. Über den Schulalltag
vermittelt kann Cannabismissbrauch eine schier unüberwindliche Schranke zwischen
der jüngeren und der älteren Generation bilden. Auch in dieser Form
vorgetragener Suchtprobleme wird uns eigentlich ein Beziehungsproblem
geschildert: Durch Cannabis reguliert der junge Mensch seine Beziehung zur
Umwelt. Mit dem suchtartigen Einsatz halblegaler Drogen werden unliebsame
Umwelteinflüsse abgedämpft. Mittels Drogen wird eine Flucht vor Menschen
angetreten, die Anforderungen stellen. Gesucht wird ein stabiles
Selbstwerterleben. In der Sucht teilt sich eine Sehn-Sucht mit, mit sich selbst
in Einklang zu kommen.
Wohnungsprobleme
Wohnungsprobleme werden dann in der Erziehungsberatung akut,
wenn junge Menschen volljährig werden, nicht länger zuhause leben können oder
wollen, aber sich eigenen Wohnraum durch eigene Mittel nicht leisten können.
Diese Frage ist zu einem festen Bestandteil bei den Anliegen der Ratsuchenden
geworden, denn die Schere zwischen den Ansprüchen und der Leistungsfähigkeit
junger Volljähriger geht auseinander. Ausgepowerte Familien verfügen oft nicht
über die materiellen Ressourcen, dem jungen Erwachsenen einen eigenen Haushalt
zu finanzieren.
Dann kann das familiäre Zusammenleben der Volljährigen zum Zwangsverbund werden.
Mitunter bedeutet das eine erhebliche Benachteiligung der jüngeren Geschwister.
Geht z.B. der volljährige Bruder keiner Arbeit und keiner Ausbildung nach, kann
das demoralisierend wirken. Dann sitzt der Volljährige zuhause, bis die Eltern
von der Arbeit zurückkommen und sich um die jüngeren Geschwister kümmern.
Erziehungsberatung bedeutet dann oftmals, den Zeitpunkt für eine Ablösung
vorbereiten zu helfen.
Foto (Rörup): Plastik aus Ton, hergestellt von
Schülerinnen einer Gesamtschule bei einem Workshop zur Geschlechterfrage
Straftaten des jungen Menschen
Oft suchen Eltern Beratung auf, weil sich bei ihnen die
Furcht eingenistet hat, ihr Kind könne (wenn es so weitermacht als Jugendlicher)
straffällig werden. Diese Ängste ernst zu nehmen und machbare Schlussfolgerungen
für das Verhalten abzuleiten, ist Chance von Erziehungsberatung. Zahlenmäßig
spielt die Straffälligkeit junger Menschen aber keine größere Rolle.
II. Immer wieder Beratungsbedarf (Versuch der
Verallgemeinerung)
Zunächst kann man von den Klienten der Erziehungs- und
Familienberatung sagen, dass sie auf dem besten Wege sind. Sie haben sich
Schwierigkeiten im Familienalltag zu Herzen genommen und zu ihrem Anliegen
gemacht. Sie haben erkannt, dass das Problem mit psychischen Schwierigkeiten
einhergeht und dass zur Bewältigung des Problems kompetente Hilfe von außen
erforderlich ist. Unsere Klienten suchen nach reiflicher Überlegung unser
Angebot auf und haben konkrete Erwartungen an eine Problembewältigung und an
unsere Unterstützung. Positiv gesprochen, könnte man sagen, wer sucht, hat schon
gefunden.
Erziehungsberatung soll Hilfe bei der Erziehung von Erwachsenen mit jungen
Menschen sein. Was bringt aber die Erziehenden immer wieder dazu, hilfebedürftig
zu werden? Es müssen sich Vorgänge im familiären Leben von Erwachsenen nennen
lassen, die Risiken und Nebenwirkungen für die kindliche Entwicklung
zutagefördern. Häufig stehen schreckliche Ereignisse am Ausgangspunkt der
Problementstehung. Mitunter bekommen die Klienten erst in der Beratung wieder
Zugang zu den Schicksalsschlägen, die ein einfaches Weiterleben erstmal
unmöglich werden ließen. Zwei grundsätzliche Tendenzen der Problementstehung im
familiären Alltag unserer volljährigen Klientinnen und Klienten seien hier
angedeutet.
Erziehungsschwierigkeiten erwachsen Eltern und anderen
Bezugspersonen
(a) durch Rhythmusschwierigkeiten und
(b) durch Machtgefälle.
(a) Im Leben Hektisches und Dauerndes vereinen
Es gibt Zeitprobleme durch das Zusammentreffen von
beschleunigten und verlangsamten Abläufen im Leben der Familienangehörigen.
Liebes-, Arbeits-, Wohnverhältnisse erweisen sich als schnelllebig. demgegenüber
dehnen sich Freizeit, Lebenserwartung, Ausbildungszeiten in die Länge. So kommt
es leicht zu Rhythmusstörungen in den Lebensplänen. Daraufhin wird oft in
Zustände von Ungeduld einerseits oder Desinteresse andererseits gegangen. Die
jeweiligen Lebensansprüche bedürfen zu ihrer Realisierung mithin besonderer
Umsetzungskraft, damit Zeit als hohes Gut von familiärer Gemeinschaft erlebbar
bleibt. Aber Hektik verbunden mit schierer Unendlichkeit werden oft nicht
vertragen. Sich den rasch verändernden Bedingungen und sehr langfristigen
Abläufen anzupassen, ist eine Aufgabe, die mit Gefühlen der Unsicherheit
einhergehen.
(b) Die eigene Grenze am Anderen
Oft werden die Distanzen im Nahraum Familie nicht
ausgehalten. Um sich den Einfluss und den Überblick über das familiäre Geschehen
zu bewahren, wird versucht, sich über Machtpositionen zu behaupten. Misslingt
es, die eigene Stellung schon mit seinesgleichen in der Familie zu sichern, geht
das mit tüchtigen Ohnmachtsgefühlen einher. Macht und Unterordnung regulieren
Familie solange das emotionale Klima mitspielt, wenn sich der Wind dreht, nutzt
oftmals das Festhalten an bisherigen Hierarchien wenig. Die Bindungskräfte in
den (uns in der Beratung vorkommenden) Familien sind merkwürdig. Oft tritt an
die Stelle von Bindung egoistisches Beharrungsvermögen. Aber individueller
Glücksanspruch löst die Probleme nicht, sondern lässt sie deutlicher werden.
Vielleicht ist es so, dass ein Großteil von Familien durch eine den Mitgliedern
gemeinsame Angst vor dem Verlassenwerden zusammengehalten werden.
Ein selbstbestimmtes wieder aufeinander Zugehen, ist ein
Wunschtraum, dem wir auch als Berater gern mal mit anhängen.
So geht es, wie wir zu sehen bekommen, turbulent mit der
Position der Kinder in der Familie zu. Mal werden sie geklammert, mal
abgeschoben, mal werden sie abgenommen, mal zurückgegeben. Diese
Rein-Raus-Dynamik erscheint uns am deutlichsten bei Lebensformen in
Pflegeverhältnissen. Dieser Aspekt verlangt uns in der Beratungsstelle derzeit
besondere Aufmerksamkeit ab.
Erziehung ist Fortpflanzung menschlichen Lebens nach der natürlichen
Fortpflanzung. Sie ist jahrelange Brutpflege im sozialen Uterus namens Familie.
Um dieser familiären Funktion trotz Problemerlebens gerecht werden zu können,
bedarf es verschiedener Fördermaßnahmen, von denen die Erziehungs- und
Familienberatung eine ist. Vielleicht die behutsamste.