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Letzte Aktualisierung:   03.02.2007 


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Jahres-Journal 2002
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Zu Risiken und Nebenwirkungen kindlicher Entwicklung
Aktuelle Erfahrungen in der Beratung
von

Dr. Hans Scherner
Dipl.-Psychologe EFB-H  (Berlin- Hellersdorf)

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Hiermit soll ein Überblick über die Anmeldegründe zur Erziehungsberatung gegeben werden. Wir stellen uns die Frage, was bei unseren Ratsuchenden das Problem macht. Bei etlichen hundert Familien im Jahr, die ihre Anliegen schildern, zeichnen sich bestimmt Tendenzen in der Lebensweise ab, die von allgemeinerem Interesse sein dürften. Wir versuchen, das als problematisch Erlebte wiederzugeben, weil es bestimmt kein unwichtiger Bestandteil im familiären Alltag ist.

I. Triftige Gründe (Versuch der Unterscheidung)

Bei Anmeldungen zur Erziehungs-beratung werden die Anlässe nach einer einheitlichen Statistik erfasst. Hier die Anmeldegründe des Jahres 2001 geordnet nach ihrer Häufigkeit:

Anlass der Beratung

in %

Beziehungsprobleme

40

Entwicklungsauffälligkeiten

21

Trennung/Scheidung der Eltern (ohne Umgang)

16

Schul-/Ausbildungsprobleme

15

Umgangsbetreuung

3

Suchtprobleme

2

Anzeichen für sexuellen Missbrauch

1

Anzeichen für Kindesmisshandlung

1

Wohnungsprobleme

1

Straftat des jungen Menschen

0

Die vorgegebenen Bezeichnungen sagen erstmal wenig darüber aus, worum es dabei jeweils gegangen sein mag. Hiermit versuchen wir aufgrund unserer aktuellen Erfahrungen, Worte für das zu finden, was die Ratsuchenden bewegt. Vielleicht gelingt es anhand der zunächst unzusammenhängenden Problem-bereiche mitzuteilen, wo jeweils der Schuh drückt. Um die Beratungsanliegen hier einmal in eine Reihe zu bringen, gehen wir im Text einfach mal nach der Häufigkeit der Nennungen. Die Häufigkeit der Nennung gibt nur einen entfernten quantitativen Eindruck über die Bandbreite von Beratungsinhalten. In Wirklichkeit ist uns jedes vorgetragene Anliegen gleichermaßen wert, beachtet zu werden - und Sie sollen auch erfahren, warum.

Beziehungsprobleme

Familie wird als vertrauter Ort mit Angehörigen, als Lebensmittelpunkt gewünscht. Mitunter verkehrt sich aber Vertrauen in Misstrauen. Oft können die Erwartungen an ein zufriedenes Zusammenleben nicht erfüllt werden. Stiefelternkonflikte, der Übergang von der Kindheit zur Jugendlichkeit, familienunfreundliche Arbeitsver-hältnisse etc. bringen Turbulenz ins System Familie.

Dann kann sogar die fortbestehende Vertrautheit von zwei Familienmitgliedern dem sich außen fühlenden Dritten ein Dorn im Auge sein. Als Ort der Besinnung gedacht, wandelt sich Familie mitunter durch Beziehungsprobleme ins Unheimliche. Dann wird bei uns über Unehrlichkeit, Aggressivität, Faulheit in den eigenen vier Wänden geklagt. Solange das Vertrauen nicht wieder hergestellt ist, ist es ungemütlich.

Unter lang anhaltend ungünstigen emotionalen Bedingungen geht Erziehung schief. Einerseits könnte man von Marzahn-Hellersdorf als DER Kinderstube Berlins reden, andererseits ist der Anspruch, dass es im Eltern-Kind-Verhältnis auch stimmt, existenziell. Insbesondere für Elternteile, die entweder aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind oder die arbeitsmäßig eingespannt sind, strahlt die Qualität der Erziehung auf das ganze übrige Leben aus. Das Gefühl misslingender Erziehung kann schnell als vollständiges Versagen erlebt werden. Erziehungsberatung wird in Anspruch genommen, um das familiäre Zusammenleben in der bisher gewünschten Form aufrechterhalten zu können. Dies bedeutet aber in der Regel, dass in der Erziehungsberatung Luft geholt wird, dass die familiären Beziehungen auch nachwachsen können.

Entwicklungsauffälligkeiten

Bei kindlicher Entwicklung bekommen wir es heutzutage mit unbegrenzten Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu tun.
Eine Generation von Erwachsenen hat innerhalb eines Dutzend von Jahren eine erzieherische Kehrtwendung von 180° vollziehen müssen und vollzogen. Waren Entwicklungsauffälligkeiten bis zu Wendezeiten der Tendenz zur staatlich gestützten Massenhaltung von Kindern geschuldet, sind sie nun im Gegenteil Resultate von herkunftsbedingter Vereinzelung: Eine Generation alleinverantwortlicher Eltern mit der Erfahrung heftiger Brüche sehen sich mit Kindern behängt, von deren erfolgreicher Entwicklung sie den Glauben verlieren. Maßstäbe von Entwicklung beziehen sich auf keinen gesellschaftlichen Konsens. Insofern wird die individuelle Zufriedenheit mit dem Kind zum Maß. Klaffen Anspruch und Wirklichkeit, wird die Beziehung von Eltern und Kindern aufs Spiel gesetzt. Nachlassende Bindungsfähigkeit in der Familie bedeutet unter dem Entwicklungsaspekt oftmals, dass Kindern Anregung verloren geht. Sie verkümmern. Spezifische Formen von Verwahrlosung sind das häufigste Entwicklungsrisiko.

Mal sind Kinder zu groß oder zu klein, zu langsam oder zu schnell, zu ruhig oder zu unruhig.

Dabei gibt der Begriff „Hyperaktivität" oder „ADS" in der Beratungspraxis Grund zum Nachdenken. Oft geht die Nutzung dieser Begrifflichkeit mit dem Glauben einher, die kindliche Entwicklungsstörung sei halt erblich oder hirnorganisch zu erklären und somit erzieherischer Einfluss seitens der Familie demgegenüber uninteressant.

Anzunehmen, dass allein Gewalterfahrung Gradmesser von Kindeswohlgefährdung sei, gehört zu den Prinzipienlosigkeiten, die man sich in unserer ach so modernen und freiheitlichen Zeit zu leisten erlaubt. Mit der Erziehungsberatung werden Entwicklungsauffälligkeiten auf ihre Verursachung und Abänderbarkeit hin untersucht. Insofern ist diese Form der Hilfe zur Erziehung angemessen, Vernachlässigungen von kindlichen Entwicklungsbedürfnissen entgegenzuwirken.

Trennung und Scheidung

Seit Einführung des neuen Kindschaftsrechtes hat die gemeinsame Sorge einen höheren Stellenwert im Kalkül getrennt lebender Eltern. Dass es durch das Gesetz zu mehr Friedfertigkeit in den Trennungs- und Scheidungsverläufen (zumindest für die Kinder) gekommen wäre, kann man so nicht sagen. Die Instrumente der Konfliktlösung können verträglicher sein. Auch hat der Stellenwert von Beratung im Trennungsprozess eine größere Rolle erhalten. Dennoch sind Trennung und Scheidung in Verlauf und Ergebnis chaotisch und stellen ein erhebliches Entwicklungsrisiko für die mitbetroffenen Kinder dar. Das ist einerseits gesellschaftlich anerkannt, andererseits bietet der Respekt vor der Intimsphäre der sich auflösenden Elternbeziehungen genügend Raum für nervenaufreibende Szenarien. Mitunter besteht das Entwicklungsrisiko darin, dass im gleichgültigen Einerlei dem Kind Elternersatzpersonen vorgeführt werden. Für in Trennung einbezogene Kinder stellt sich die Frage: Wenn schon der eine Erwachsene Elternteil gehen musste, weil er nicht mehr geliebt wird ..., was soll werden, wenn ich nicht mehr geliebt werde. Dass es Umgang gibt (s. u.), ist aus Sicht der Kinder ein schwacher Trost.

Schul- und Ausbildungsprobleme

In Teilen der jungen Generation kommt bürgerliche Bildung nicht an. Zum Erwerb von Wissen und Fähigkeiten besteht ein gestörtes Verhältnis. Mitunter wird so getan, als reiche der Inhalt des Kühlschranks und die Bewegung auf der Spielkonsole für das eigene Wohlergehen.
Aufmerksamkeitsstörungen, Teilleistungsschwächen und Schulunlust wachsen sich dann zu Belastungen aus. Bei Klassen- wiederholungen werden die Lernstörungen oftmals nur ausgesessen. Als hätten sich junge Leute darauf eingestellt, im Leben beruflich nichts zu leisten, vernachlässigen sie ihre Zeit als Schüler. Ihnen ist die Schule alles andere als ein Ort des Lernens. Dass Allgemeinwissen und Lesen nicht besonders erfolgreich durch das Bildungswesen vermittelt werden, war der „Pisa"-Studie zu entnehmen. In der Beratungsstelle sehen wir zunehmend Kinder, für die das Lesen eines Buches eine schier unüberwindliche Hürde darstellt. Aber auch das Einschlagen eines Nagels in ein Brett ist mitunter eine völlig neuartige Erfahrung für Jungen von reichlich 10 Jahren in der Werkstatt der Beratungsstelle. Wünschenswert wäre, wenn Kindern mit erheblichen Schwächen im Annehmen von Kulturtechniken stärker handwerkliche und hauswirtschaftliche Fähigkeiten nahe gebracht werden könnten. Allein die Knöpfe vom Gameboy drücken zu können, bedeutet aus psychologischer Sicht eine Verkümmerung. Diese Verkümmerung wird vielleicht deshalb toleriert, weil die Kinder ja so schön konzentriert spielen. Der Zweck von spieltherapeutischer Arbeit mit Kindern in der Erziehungsberatung besteht heutzutage nicht zuletzt darin, die Einschränkung des Spektrums von spielerischen Ausdrucksformen zu überwinden und Neigungen zur Computerspielsucht dadurch vorzubeugen. Das therapeutische Spiel ist für uns eine Form, Kinder mit ihrer Lebenswirklichkeit in Kontakt zu bringen.

 

 

 

 

Foto (Rörup): Jungen besorgen sich Holz für das Lagerfeuer im Abschlusscamp der Therapiegruppe

Die Vorzüge der Mediengesellschaft verkehren sich für lernunwillige junge Menschen gewissermaßen in ihr Gegenteil: Für sie macht Nichtwissen auch nichts. Wenn die Eltern auch noch das Zutrauen zur Schule verloren haben, werden sie mit dem Lernproblem in der EFB vorstellig. Guter Rat ist dann oftmals teuer. Seitens der Beratungsstelle beginnt die Arbeit zumeist damit, die mit dem Lernproblem zerrütteten Beziehungen wieder herzustellen, in denen üblicherweise im Verhältnis Kind-Erwachsener gelernt werden kann. Auch bei gut angenommenen therapeutischen Hilfen kommt es oft nicht dazu, dass sich die jungen Menschen mit ihrem Berater in einen Prozess angeleiteten schulischen Lernens begeben. Meist gelingt es lediglich, zur Entkrampfung der lernverweigernden Haltung beizutragen und ein weiteres Nachlassen zu vermeiden.

Beratung und Unterstützung von Umgang

Zum einen ist Umgang des Kindes mit dem getrennt lebenden Elternteil in den letzten zehn Jahren zu einer weithin anerkannten Norm geworden. Im konkreten Trennungsfall werden nach wie vor Kinder bei Trennung der Eltern zum Faustpfand genommen. Das gesellschaftlich verfügte Umgangs-recht dient strittigen Eltern als Feld des fortgesetzten Paarkonfliktes. Wie gemeinsame elterliche Sorge kann somit auch das gut gemeinte Umgangsrecht Kindern zum Fallstrick werden, wenn Eltern sich über den Umgang gegeneinander behaupten wollen. Mit den Umgangsproblemen werden in aller Regel Paarkonflikte ausgelebt. Die betreffenden Kinder sind mitunter noch sehr klein oder haben auch sonst keine verlässliche Beziehung zum fortgezogenen Elternteil verinnerlicht. Sie können also gar nicht verstehen, was die Erwachsenen da mit ihnen veranstalten. Insofern stellt sich immer die entwicklungspsychologische Frage, wie denn dem wohlverstandenen Kindeswohl durch Umgang bei entzweiten Elternhäusern gedient werden soll.

Aus dem grundsätzlichen Angebot von Beratung bei Trennung und Scheidung als Hilfe zur Erziehung versuchen wir mit den Betroffenen herauszufinden, ob eine Unterstützung von Umgang für das Kind geeignet ist. Davon ausgehend steht die Beratungsstelle mit Rat und Tat zur Verfügung, auf humane Art Umgang anzubahnen und zu erproben. Die Kontakte herzustellen gelingt in der Mehrzahl der Fälle. Aber stabile und einvernehmliche Dauerlösungen sind eher selten, weil sie von einem Elternteil wirklich nicht gewollt sind. Insofern bleibt der betreute Umgang für uns nicht nur sozial- und familienrechtlich ein Sonderfall innerhalb der Bandbreite von Erziehungsberatung: Wie man es auch dreht und wendet: ein Elternteil bleibt dem Ziel eines geregelten Umgangs grundsätzlich skeptisch gegenüber. Schon eine Uneinigkeit in Unterhaltsfragen reicht aus, dass die Umgangsregelung instabil bleibt.

Anzeichen für sexuellen Kindesmissbrauch

Die Zahl der wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch angemeldeten jungen Menschen ist über die Jahre konstant. In der ersten Hälfte der 90iger Jahre wurde sexueller Kindesmissbrauch (im Osten) öffentlich so stark diskutiert, dass andere Fragen des Schutzes kindlicher Entwicklung zu kurz zu kommen drohten. Bei sexuellem Missbrauch ist in der Erziehungsberatung von dem die Rede, der im Umfeld der Familie passiert. Der Täter lebt(e) in der Familie oder wurde dazugezählt, das Kind war von ihm abhängig und die Familie versagte, das Kind vor der Beschämung zu schützen. Es liegen also stets mehrere Umstände in der Betreuung der Kinder und im Verhältnis von Mann und Frau im Argen, dass es zu sexuellen Grenzüberschreitungen Erwachsener oder Jugendlicher gegenüber Kindern kommt. Insofern ist der in Familien zu beklagende sexuelle Kindesmissbrauch stets als besonders eklatante Verletzung der kindlichen Persönlichkeit neben anderen Missständen festzustellen.
Dementsprechend sehen wir es in der Erziehungsberatung einerseits als Aufgabe, den Sachverhalt aufdecken zu helfen und den Schutz des Kindes künftig zu gewährleisten, andererseits ist am Beziehungskontext zu arbeiten, denn die Geborgenheit des Kindes in der Familie ist in aller Regel mit angegriffen.
Wir motivieren die Betroffenen für sich eine Entscheidung zu fällen, ggf. den Missbrauch auch durch Strafverfolgung ahnden zu lassen.

Anzeichen auf Kindesmisshandlung

In der offiziellen Statistik erscheinen lediglich die Fälle, in denen die Misshandlung von Kindern schon bei der Anmeldung als Grund für die Hilfesuche offenbart wird. In den uns vorgestellten Fällen sind die Ratsuchenden oft auch schon dazu übergegangen, aus gewaltsamen Übergriffen auf das Kind Konsequenzen zu ziehen. Dabei werden sie psychologisch durch uns dahingehend unterstützt, dass die Entwicklung der Kinder künftig gewaltfrei erfolgen kann. Oftmals zeigt sich, dass im konkreten Fall die betreffenden Kinder in ihrer Entwicklung ohnehin gravierende Beeinträchtigungen aufweisen. Geistig zurückgebliebene und sprachrückständige Kinder sind häufig Opfer von Gewalt. Solche Kinder in ihrer allgemeinen psychischen Entwicklung zu fördern, ist gewaltpräventiv.

Suchtprobleme

Wegen süchtigen Verhaltens wird die Erziehungsberatung zunehmend aufgesucht. Man ist öffentlich sensibilisiert und der Zugang zu süchtig machenden Mitteln ist unbeschränkt.
Zwischen den Eltern stellt sich die Frage der Sucht so dar, dass ein Elternteil die Beratung sucht, weil er mit dem süchtigen Elternteil nicht mehr vor noch zurück kann. Hier sind die „Co-Trinker", also die die in den Suchtmittelmissbrauch einbezogen sind (ob sie wollen oder nicht) unsere Ansprechpartner. Von der Klärung dieses Missverhältnisses hängt viel ab, ob die Familie wieder so weit kommt, noch Spielräume für die eigentliche Erziehung des Nachwuchses zu finden.
Ein zweiter ansteigender Bereich von Erziehungsproblemen besteht darin, dass junge Menschen nach dem Grundschulalter kraft der Drogen einen Schluss-Strich unter die Erziehung durch Erwachsene zu ziehen versuchen. Über den Schulalltag vermittelt kann Cannabismissbrauch eine schier unüberwindliche Schranke zwischen der jüngeren und der älteren Generation bilden. Auch in dieser Form vorgetragener Suchtprobleme wird uns eigentlich ein Beziehungsproblem geschildert: Durch Cannabis reguliert der junge Mensch seine Beziehung zur Umwelt. Mit dem suchtartigen Einsatz halblegaler Drogen werden unliebsame Umwelteinflüsse abgedämpft. Mittels Drogen wird eine Flucht vor Menschen angetreten, die Anforderungen stellen. Gesucht wird ein stabiles Selbstwerterleben. In der Sucht teilt sich eine Sehn-Sucht mit, mit sich selbst in Einklang zu kommen.

Wohnungsprobleme

Wohnungsprobleme werden dann in der Erziehungsberatung akut, wenn junge Menschen volljährig werden, nicht länger zuhause leben können oder wollen, aber sich eigenen Wohnraum durch eigene Mittel nicht leisten können. Diese Frage ist zu einem festen Bestandteil bei den Anliegen der Ratsuchenden geworden, denn die Schere zwischen den Ansprüchen und der Leistungsfähigkeit junger Volljähriger geht auseinander. Ausgepowerte Familien verfügen oft nicht über die materiellen Ressourcen, dem jungen Erwachsenen einen eigenen Haushalt zu finanzieren.
Dann kann das familiäre Zusammenleben der Volljährigen zum Zwangsverbund werden. Mitunter bedeutet das eine erhebliche Benachteiligung der jüngeren Geschwister. Geht z.B. der volljährige Bruder keiner Arbeit und keiner Ausbildung nach, kann das demoralisierend wirken. Dann sitzt der Volljährige zuhause, bis die Eltern von der Arbeit zurückkommen und sich um die jüngeren Geschwister kümmern. Erziehungsberatung bedeutet dann oftmals, den Zeitpunkt für eine Ablösung vorbereiten zu helfen.

 

 

 

 

Foto (Rörup): Plastik aus Ton, hergestellt von Schülerinnen einer Gesamtschule bei einem Workshop zur Geschlechterfrage

Straftaten des jungen Menschen

Oft suchen Eltern Beratung auf, weil sich bei ihnen die Furcht eingenistet hat, ihr Kind könne (wenn es so weitermacht als Jugendlicher) straffällig werden. Diese Ängste ernst zu nehmen und machbare Schlussfolgerungen für das Verhalten abzuleiten, ist Chance von Erziehungsberatung. Zahlenmäßig spielt die Straffälligkeit junger Menschen aber keine größere Rolle.

II. Immer wieder Beratungsbedarf (Versuch der Verallgemeinerung)

Zunächst kann man von den Klienten der Erziehungs- und Familienberatung sagen, dass sie auf dem besten Wege sind. Sie haben sich Schwierigkeiten im Familienalltag zu Herzen genommen und zu ihrem Anliegen gemacht. Sie haben erkannt, dass das Problem mit psychischen Schwierigkeiten einhergeht und dass zur Bewältigung des Problems kompetente Hilfe von außen erforderlich ist. Unsere Klienten suchen nach reiflicher Überlegung unser Angebot auf und haben konkrete Erwartungen an eine Problembewältigung und an unsere Unterstützung. Positiv gesprochen, könnte man sagen, wer sucht, hat schon gefunden.
Erziehungsberatung soll Hilfe bei der Erziehung von Erwachsenen mit jungen Menschen sein. Was bringt aber die Erziehenden immer wieder dazu, hilfebedürftig zu werden? Es müssen sich Vorgänge im familiären Leben von Erwachsenen nennen lassen, die Risiken und Nebenwirkungen für die kindliche Entwicklung zutagefördern. Häufig stehen schreckliche Ereignisse am Ausgangspunkt der Problementstehung. Mitunter bekommen die Klienten erst in der Beratung wieder Zugang zu den Schicksalsschlägen, die ein einfaches Weiterleben erstmal unmöglich werden ließen. Zwei grundsätzliche Tendenzen der Problementstehung im familiären Alltag unserer volljährigen Klientinnen und Klienten seien hier angedeutet.

Erziehungsschwierigkeiten erwachsen Eltern und anderen Bezugspersonen

(a) durch Rhythmusschwierigkeiten  und
(b) durch Machtgefälle.

(a) Im Leben Hektisches und Dauerndes vereinen

Es gibt Zeitprobleme durch das Zusammentreffen von beschleunigten und verlangsamten Abläufen im Leben der Familienangehörigen. Liebes-, Arbeits-, Wohnverhältnisse erweisen sich als schnelllebig. demgegenüber dehnen sich Freizeit, Lebenserwartung, Ausbildungszeiten in die Länge. So kommt es leicht zu Rhythmusstörungen in den Lebensplänen. Daraufhin wird oft in Zustände von Ungeduld einerseits oder Desinteresse andererseits gegangen. Die jeweiligen Lebensansprüche bedürfen zu ihrer Realisierung mithin besonderer Umsetzungskraft, damit Zeit als hohes Gut von familiärer Gemeinschaft erlebbar bleibt. Aber Hektik verbunden mit schierer Unendlichkeit werden oft nicht vertragen. Sich den rasch verändernden Bedingungen und sehr langfristigen Abläufen anzupassen, ist eine Aufgabe, die mit Gefühlen der Unsicherheit einhergehen.

(b) Die eigene Grenze am Anderen

Oft werden die Distanzen im Nahraum Familie nicht ausgehalten. Um sich den Einfluss und den Überblick über das familiäre Geschehen zu bewahren, wird versucht, sich über Machtpositionen zu behaupten. Misslingt es, die eigene Stellung schon mit seinesgleichen in der Familie zu sichern, geht das mit tüchtigen Ohnmachtsgefühlen einher. Macht und Unterordnung regulieren Familie solange das emotionale Klima mitspielt, wenn sich der Wind dreht, nutzt oftmals das Festhalten an bisherigen Hierarchien wenig. Die Bindungskräfte in den (uns in der Beratung vorkommenden) Familien sind merkwürdig. Oft tritt an die Stelle von Bindung egoistisches Beharrungsvermögen. Aber individueller Glücksanspruch löst die Probleme nicht, sondern lässt sie deutlicher werden. Vielleicht ist es so, dass ein Großteil von Familien durch eine den Mitgliedern gemeinsame Angst vor dem Verlassenwerden zusammengehalten werden.

Ein selbstbestimmtes wieder aufeinander Zugehen, ist ein Wunschtraum, dem wir auch als Berater gern mal mit anhängen.

So geht es, wie wir zu sehen bekommen, turbulent mit der Position der Kinder in der Familie zu. Mal werden sie geklammert, mal abgeschoben, mal werden sie abgenommen, mal zurückgegeben. Diese Rein-Raus-Dynamik erscheint uns am deutlichsten bei Lebensformen in Pflegeverhältnissen. Dieser Aspekt verlangt uns in der Beratungsstelle derzeit besondere Aufmerksamkeit ab.
Erziehung ist Fortpflanzung menschlichen Lebens nach der natürlichen Fortpflanzung. Sie ist jahrelange Brutpflege im sozialen Uterus namens Familie. Um dieser familiären Funktion trotz Problemerlebens gerecht werden zu können, bedarf es verschiedener Fördermaßnahmen, von denen die Erziehungs- und Familienberatung eine ist. Vielleicht die behutsamste.

 


Dr. H. P. Scherner; Diplom-Psychologe (März 2002)


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Letzte Aktualisierung: 03.02.2007